Manifest (DE)
- A.G.

- 24. Jan.
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 25. Jan.
Wo die Orangen blühen
Archiv einer Generation im Wartestand

Dieser Blog ist aus einer langen Pause entstanden, aus einer immer wiederkehrenden Abwesenheit und aus einer Kindheit, die, ohne gefragt zu werden, auf Warteschleife gesetzt wurde. „Wo die Orangen blühen“ ist kein Blog über Migration im klassischen Sinn, sondern ein Erinnerungsraum, ein lebendiges Archiv einer Generation, die heranwuchs, während ihre Eltern fortgingen.
Anfang der 2000er-Jahre, lange bevor Rumänien Mitglied der Europäischen Union wurde, setzte ein Prozess ein, der die Struktur von Familien in Rumänien und in vielen Ländern des Balkans nachhaltig verändern sollte. Die Berichterstattung jener Zeit sprach von einer teilweisen Öffnung der Grenzen, von saisonaler Arbeit und von wirtschaftlichen Chancen im Westen. Hinter diesen Begriffen jedoch verbarg sich eine sehr viel einfachere, zugleich härtere Wirklichkeit: der Mangel an Alternativen und die schlichte Notwendigkeit zu überleben.
Nach dem wirtschaftlichen Zusammenbruch der 1990er-Jahre standen Rumänien und zahlreiche Balkanländer vor hoher Arbeitslosigkeit, verschwundenen Industrien, einer kaum unterstützten Landwirtschaft und begrenzten Zukunftsperspektiven für ganze Familien. Gleichzeitig wuchs in Ländern wie Spanien und Italien der Bedarf an günstigen, flexiblen Arbeitskräften, die bereit waren, unter schwierigen Bedingungen zu arbeiten, in der Landwirtschaft, auf Plantagen, in Gewächshäusern, im Bauwesen oder in der Pflege älterer Menschen. So entstanden die ersten Wellen saisonaler Arbeitsmigration aus Osteuropa: Rumäninnen und Rumänen, Moldauerinnen und Moldauer, Serbinnen und Serben, Bulgarinnen und Bulgaren, usw. - Menschen, die in Busse stiegen, oft ohne klare Verträge, ohne Sicherheiten und nicht selten ohne genau zu wissen, wohin ihre Reise sie führen würde.

Spanien stand vor allem für landwirtschaftliche Arbeit, das Pflücken von Orangen, Erdbeeren und Gemüse. Italien war ebenfalls mit Arbeit verbunden, insbesondere in privaten Haushalten und in der Pflege, während Deutschland vor allem mit temporären Beschäftigungen, Schlachthöfen und Baustellen assoziiert wurde. Die Medien der Jahre zwischen 2001 und 2005 sprachen häufig vom „Zauber des Westens“ und von dem Geld, das nach Hause geschickt wurde, fast nie jedoch von den Kindern, die zurückblieben, von Dörfern, in denen Großeltern und Enkel zusammenlebten, oder von den Sonntagen, an denen die einzige Verbindung zu den Eltern ein kurzer Anruf oder ein Brief war.
Wir waren die Kinder, die blieben.
Die Kinder, die warteten.
Wir warteten auf Anrufe, auf Pakete, auf kurze Ferien und auf Versprechen der Rückkehr und lernten dabei sehr früh, uns anzupassen, keine Fragen zu stellen und nicht zu viel zu verlangen. Wir lernten, dass Gefühle aufgeschoben werden können, dass Sehnsucht kontrolliert werden muss und dass Schweigen zu einer Form der Anpassung werden kann. Diese Generation hat nie einen offiziellen Namen erhalten, sie taucht weder in Schulbüchern noch in Statistiken auf, und doch ist sie real, eine Generation, die die Spuren einer Kindheit trägt, die zwischen Abwesenheiten gelebt wurde.
„Wo die Orangen blühen“ entstand aus der Notwendigkeit heraus, einen Ort für genau diese Geschichten zu schaffen, denn wenn über Migration gesprochen wird, geht es fast ausschließlich um Politik, um Entscheidungen, Erfolge, Scheitern und Integration und nur sehr selten um die Kinder, die ohne ihre Eltern aufgewachsen sind. Dieses Projekt begann, weil ich Teil dieser Generation bin. Weil meine Mutter nach Spanien ging, um zu arbeiten, als ich noch ein Kind war. Und weil meine Europäische Union und die Grenzfreiheit nicht mit der Freiheit des Reisens begannen, sondern mit einem Bus, einem Abschied und dem Warten.
Ich habe diesen Blog begonnen, um einen Raum zu schaffen, in dem diese Erfahrungen ohne Scham, ohne Urteil und ohne erzwungene Erklärungen erzählt werden können. Einen Raum, in dem persönliche Erinnerung zu kollektiver Erinnerung wird.
„Wo die Orangen blühen“ ist kein Ort. Es ist eine Erinnerung.
Ein Bild für das, was weit weg war, und doch unser Leben bestimmt hat.
Es geht hier nicht um Schuld und nicht um Anklage, sondern um das Sichtbar-Machen. Um Stimmen, die lange leise waren, und um Erfahrungen, die selten erzählt wurden, obwohl sie bis heute nachwirken. Dieses Projekt ist ein Archiv für diese Geschichten, für meine und für die der anderen Kinder. Für das, was gesagt werden konnte, und für das, was unausgesprochen blieb. Für Brüche, Hoffnungen, Verluste und für das Weitergehen.

„Wo die Orangen blühen” handelt von uns, von den Kindern, die zu Hause geblieben sind, von einer Generation, die zwischen Sehnsucht und Verantwortung aufgewachsen ist, und von einem Europa, das nicht für alle gleich begonnen hat. Für einige von uns begann die EU dort, wo die Orangen blühen.
Wenn du dich in diesen Zeilen wiedererkennst, dann bist du gemeint. Wenn du geblieben bist, während andere gingen. Wenn Erinnerung für dich nicht Vergangenheit ist, sondern Teil der Gegenwart.
Das hier ist der Anfang.

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