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TEIL 1 – 12 JAHRE

Autorenbild: A.G.
A.G.
8. Feb.
6 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 9. Feb.

„Die Familie ist der Ort, an dem man zum ersten Mal lernt zu schweigen.“

– Gabriela Adameșteanu (aus Essays / Interviews)


Ich wurde 1990 in Timișoara geboren, als Einzige in meiner Familie. Meine Eltern und meine Schwestern stammen aus Siebenbürgen, aus Cluj-Napoca und dem Sălaj, und lebten dort bis ca. 1987. Ich kam an einem anderen Ort zur Welt, in einem anderen Takt, und vielleicht begann genau dort dieses leise Gefühl, das mich lange begleitet hat: dazuzugehören und gleichzeitig nicht ganz. Verwurzelt, aber nicht fest. Von einem Ort, und doch zwischen mehreren.


Meine Kindheit spielte sich nahe Timișoara ab, auf dem Land. Zuerst in Biled, später in Becicherecu Mic, zwei Dörfer, die nah beieinanderlagen und sich dennoch unterschieden. Staubige Straßen, große Höfe, Tiere, offene Tore, Menschen, die sich kannten und wussten, wer du bist, bevor du etwas sagen musstest. Es war eine einfache Kindheit, nicht leicht, aber lebendig. Wir hatten nicht viel, manchmal zu wenig, doch wir hatten Zeit, und für eine Weile auch die Freiheit, Kind zu sein, ohne sie erklären zu müssen.


Die 1990er-Jahre waren eine Übergangszeit. Für die Erwachsenen ein permanentes Ringen, für uns Kinder ein Mitgehen ohne Worte. Geld war immer präsent, selbst wenn niemand darüber sprach. Es lag in der Luft, in den Pausen zwischen Gesprächen, in Blicken, in Entscheidungen, die getroffen wurden, ohne erklärt zu werden. Mein Vater führte ein Heft, in das er Zahlen, Namen und Beträge schrieb. Für mich war es nur Papier, für ihn Verantwortung. Ich verstand nicht, was dort stand, aber ich spürte die Anspannung, nahm sie auf, lange bevor ich Worte dafür hatte. Mein Körper wusste früher als mein Verstand, dass etwas nicht sicher war.


GP / Bild erstellt mit KI
GP / Bild erstellt mit KI

Ich war zwölf Jahre alt, als meine Eltern entschieden, dass einer von ihnen gehen musste. Als Europa sich langsam öffnete und Saisonarbeit möglich wurde, kam diese Entscheidung leise, fast sachlich. Nicht aus Wunsch, nicht aus Mut, sondern aus Notwendigkeit. Man sprach nicht darüber, ob man das wollte, sondern nur darüber, ob es anders ging.


Der Sonntag war der einzige Tag, an dem wir alle gemeinsam am Tisch saßen. Zwei Gänge, manchmal Fleisch, manchmal etwas Süßes. An diesem Tisch wurde gesagt, dass "Ordnung geschaffen werden müsse", dass meine Mutter für einige Monate nach Spanien gehen würde, um Geld zu verdienen - für das Leben, für Schulden, für ein Ziel, das größer war als wir. Es wurde viel gesprochen und doch nichts erklärt, zumindest nicht uns Kindern. Die Entscheidungen waren längst gefallen. Wir hörten zu, ohne gefragt zu werden, waren Teil der Realität, aber nicht Teil der Entscheidung. Ich wusste nur, dass man sich um mich kümmern würde, mehr nicht.


Meine Mutter ging nach Spanien, dorthin, wo die Orangen blühen, wo es Arbeit gab, Hoffnung und die Aussicht, sich etwas aufzubauen. Für uns. Für mich war Spanien kein Ort, sondern ein Wort, ein „weit weg“, etwas Warmes. Ein unklares Bild, das ich sonntags im Fernsehen sah, in der Sendung Enciclopedia: schöne Landschaften, wilde Vögel. Ein Bild aus Telenovelas mit schönen Menschen, und doch ohne Zusammenhang mit meinem eigenen Alltag. Ich wusste nicht, was es bedeutet, wenn ein Elternteil fehlt, und hatte keine Sprache für das, was kommen würde.


Der Tag ihres Weggangs ist kein lautes Bild in meiner Erinnerung. Er ist still, fast unbeweglich, als hätte jemand die Zeit für einen Moment angehalten. Wir standen vor dem Haus und warteten auf den Bus. Der Himmel war klar, die Sonne stark, die Straße staubig, die Nachbarn draußen. Alltag um uns herum, als wäre es ein ganz gewöhnlicher Tag. Und vielleicht war das das Schwerste daran. Ich hielt meinen Kater Budei im Arm. Alle meine Katzen hießen so, ein Name, den mir einmal meine Nachbarin Laura gegeben hatte – dieselbe Nachbarin, die später für mich sorgen sollte wie für ein eigenes Kind. Sein Fell war warm, sein Körper lebendig, schwer genug, um ihn zu spüren. Etwas, das blieb. Etwas, das ich festhalten konnte, während etwas anderes ging. Ich drückte ihn dichter an mich, vielleicht fester als sonst. Vielleicht war er mein Halt. Vielleicht war er mein Anker, oder vielleicht war es einfach der Versuch, wenigstens etwas unter Kontrolle zu behalten, damit nicht noch mehr verschwindet.


Ich habe nicht geweint und keine Fragen gestellt. Nicht, weil ich nichts fühlte, sondern weil es dafür keinen Raum gab. Die Angst war da, als ein Ziehen im Bauch, namenlos und schwer. Meine Schwestern waren bereits erwachsen und hatten ihre Wege begonnen. Ich blieb. Mit meinem Vater. Bis dahin war ich das Kind meiner Mutter gewesen, bei ihr war alles weicher, verständlicher, weniger streng. Damals wusste niemand, wie sehr diese Entscheidung uns beide verändern würde – meinen Vater und mich. Wie sie mein Denken, mein Fühlen und mein frühes Stillsein prägen würde. Dieses Verstehen kam erst viele Jahre später.


Meine Mutter umarmte mich, stieg in den Bus und setzte sich ans Fenster. Sie sah noch einmal zurück, durch das getönte Glas. Ich weiß nicht mehr, was sie sagte, und ich weiß nicht, was ihr durch den Kopf ging. Mein Vater wechselte noch ein paar Worte mit dem Fahrer, dann stiegen die anderen wieder ein. Der Bus setzte sich langsam in Bewegung. Wenn ich heute daran denke, höre ich noch immer den Motor und das Rollen der Reifen auf der unbefestigten Straße. Viele saßen darin, viele fuhren nicht nur fort, sondern voraus – in Richtung Hoffnung, in Richtung eines Lebens, das sie ihren Kindern ermöglichen wollten.


Zurück blieb kein Schmerz, den ich hätte benennen können.

Es blieb ein Fehlen, ein stiller, leerer Raum in meinem Inneren, von dem ich nicht wusste, wie man ihn schließt.


Ich blieb bei meinem Vater. Er war streng, aber verlässlich, fordernd. Nicht aus Härte, sondern aus Verantwortung. Mit ihm wurde mein Alltag enger. Ich durfte nicht mehr auf der Straße spielen, es gab nur Schule, Hausaufgaben und Zuhause. Die Kinder aus der Nachbarschaft kamen oft bis zum Tor und riefen nach mir. Manchmal betelten sie meinen Vater, mich herauszulassen. „'Nea Petre, darf Andreea mit uns spielen, nur dreißig Minuten, 'nea Petre?“, rief Cristina. Sie ist eine meiner ältesten Freundinnen aus der Heimat, und wir sind uns bis heute nah geblieben. Während mein Vater arbeitete, kümmerte sich unsere Nachbarin Laura um mich. Sie wartete mit warmem Essen, mit Zeit, mit einer Selbstverständlichkeit, die mir Halt gab. Irgendwann war sie nicht mehr nur jemand, der aufpasste, sondern sie wurde Familie.



Ich lernte früh, Dinge allein zu tun. Zu kochen, zu waschen, auf mich selbst aufzupassen. Meine Schwestern gingen ihre Wege weiter. Die Älteste, Cristina, studierte und heiratete später in Deutschland. Die zweite, Mariana, war immer ein freier Geist und ging früh von zu Hause weg. Ich blieb.


Telefonieren war damals schwierig. Im Dorf gab es ein oder zwei Telefonzellen, zuerst mit Münzen, später mit Telefonkarten. Gespräche mit meiner Mutter waren selten und kurz. Später gehörten wir zu den ersten, die ein Festnetztelefon ins Haus legen ließen. Irgendwann kaufte mein Vater sogar ein Mobiltelefon, ein Alcatel. Die Nummer existiert bis heute. Es ist die einzige Telefonnummer, die ich noch im Schlaf aufsagen kann.


An die Sonntage, an denen das Telefon klingelte, erinnere ich mich gut. Ganz gleich, was wir gerade taten – ob wir im Garten arbeiteten oder an dem alten Dacia herumschraubten –, ich sehe meinen Vater noch heute vor mir, wie er alles aus den Händen fallen ließ und durch den Vorgarten bis in die Küche lief, sobald das Telefon klingelte. Diese Anrufe unterbrachen den Tag. Sie setzten alles andere außer Kraft.



Meine Mutter konnte nicht lange sprechen. Fünf, vielleicht zehn Minuten. Es ging um Organisation, um Geld, darum, wie es uns ging und was als Nächstes getan werden musste. Ich saß währenddessen brav am Küchentisch und wartete. Hoffend auf ein paar Sekunden, auf ihre Stimme, auf meinen Moment. Manchmal ging das Guthaben zu Ende, bevor ich überhaupt dran war. Dann blieb ich still zurück. Traurig, aber ohne zu protestieren. Ich verstand früh, dass es Wichtigeres gab als mich. Und irgendwann gewöhnt man sich. An das Warten.


Wir lebten damals in einem Haus, das einem Bekannten aus Deutschland gehörte. Es war üblich, kostenlos dort zu wohnen, solange man sich um Hof und Garten kümmerte. Später ergab sich die Möglichkeit, das Haus gegenüber zu kaufen, ebenfalls von einem deutschen Bekannten, der schon lange nicht mehr dort lebte. Aus ein paar Monaten in der Ferne wurden Jahre. Aus Hoffnung wurde Aufschub. Und das Leben blieb in der Schwebe, irgendwo zwischen Weggehen und Zurückbleiben.


Vielleicht erkennst du dich in diesen Zeilen wieder, auch wenn deine Orte andere waren und deine Geschichte anders verlaufen ist. Das frühe Warten, das Funktionieren, das Stillsein aus Notwendigkeit sind Erfahrungen, die viele Kinder machen, ohne je zu lernen, sie einzuordnen. Aus meiner Sicht hinterlassen solche frühen Anpassungsleistungen Spuren: Kinder entwickeln ein feines Gespür für Verantwortung, für Stimmungen, für das, was unausgesprochen bleibt, und lernen, eigene Bedürfnisse zurückzustellen, lange bevor sie sie benennen können. Diese Strategien entstehen nicht aus Stärke, sondern aus dem Wunsch nach Sicherheit und Bindung, und oft begleiten sie uns bis ins Erwachsenenalter.


Wenn du das Gefühl hast, dass deine Geschichte mit meiner in Berührung kommt, lade ich dich ein, mir zu schreiben, leise oder klar, ausführlich oder fragmentarisch, mit Namen oder anonym. Dieses Archiv ist ein Ort für Erinnerungen, die lange keinen Raum hatten. Im nächsten Teil erzähle ich weiter von meiner Jugend, von meinen Schuljahren und davon, wie ich Schritt für Schritt meinen eigenen Weg gefunden habe – nicht geradlinig und nicht geplant, sondern tastend, lernend und getragen von dem Versuch, dem Kind von damals im Rückblick eine Stimme zu geben.



 
 
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