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Teil 2 – Zu früh...

  • Autorenbild: A.G.
    A.G.
  • 22. Feb.
  • 9 Min. Lesezeit

„Die Stärke des Selbstvertrauens entsteht manchmal aus dem Leid der Vergangenheit.“ – A. Golban


Bevor die Jugend wirklich begann, gab es – neben den seltenen Telefonaten meiner Mutter – zwei Dinge, die meine Seele über die Sehnsucht hinwegtrugen: die Briefe von Cristina aus Deutschland und die Ausflüge mit Mariana nach Timișoara.

Die Briefe waren mehr als nur Papier. Sie waren der Beweis dafür, dass die Welt größer ist als unser Dorf. Cristina schrieb uns von ihrem Leben, von der Familie, von den Menschen dort, davon, wie es „drüben“ ist. Deutschland war für mich zu einem Wort geworden, das Möglichkeit bedeutete. Jede gelesene Zeile vermittelte mir das Gefühl, dass wir nicht für immer an einem einzigen Ort feststecken, dass es Wege gibt, die über die Felder und Gassen hinausführen, die wir in- und auswendig kannten.

Mein Vater hatte einen sechsten Sinn. Er wusste immer, wann wir einen Brief von ihr bekommen würden. Ein oder zwei Tage bevor der Umschlag im Briefkasten lag, sagte er fast mit Gewissheit: „Wir bekommen Nachrichten. Bestimmt von Cristina. Ich habe wieder geträumt, dass ich beim Militär mit anderen Soldaten bin …“ Es war ein wiederkehrender Traum, den er als Zeichen deutete, dass Neuigkeiten bevorstanden. Ob übernatürlich oder abergläubisch, geheimnisvoll oder einfach nur väterlicher Instinkt – solche Dinge gehörten zu unserer rumänischen Tradition. Die Menschen sind religiös, doch in dem Maß, in dem sie an Gott glauben, glauben sie auch an das Böse, an Zeichen, an Unsichtbares, an Flüche und Vorahnungen. In unserem Haus gingen Glaube und Intuition Hand in Hand, und die Briefe wurden zur Bestätigung, dass die Verbindung nicht abreißt, selbst wenn die Entfernung spürbar war.


Und dann kam Mariana. Sie war vom Wesen her von ganz anderem Kaliber als Cristina und ich – energisch, freiheitsliebend, direkt. Fast unmittelbar nach dem Abitur verließ sie das Elternhaus. Sie wollte nicht weiterstudieren, sie wollte arbeiten, ihren eigenen Platz haben, unabhängig sein und eine Familie gründen. Eine Zeit lang arbeitete sie in Timișoara in einer Fabrik am Fließband und wohnte zur Miete bei einer älteren Frau. Sie hatte ihr Leben übernommen, ohne viele Erklärungen, ohne lange Rechtfertigungen. Meist kam sie am Wochenende. Sie stürmte in den Hof wie ein warmer Wind und sagte außer Atem: „Komm, Andreea, zieh dich schön an, wir gehen in die Stadt.“ Es gab keinen Raum für Zögern. Es war eine Einladung zur Freiheit.

Wir fuhren per Mitfahrgelegenheit, weil sie damals noch kein Auto hatte, obwohl es für meinen Vater selbstverständlich war, dass seine Töchter sofort mit achtzehn den Führerschein machten. Für ihn war Selbstständigkeit eine Form von Sicherheit, Unabhängigkeit nicht verhandelbar. Der Weg nach Timișoara schmeckte nach Freiheit. Das Stadtzentrum beeindruckte mich jedes Mal aufs Neue. Die eleganten Gebäude, die farbigen Fassaden, der leicht westliche Hauch, die selbstbewussteren Menschen, die Kathedrale, die den Platz dominierte, das geschäftige Treiben – so anders als die Stille unseres Dorfes. Ich hatte das Gefühl, in eine Welt einzutreten, in der die Dinge anders funktionierten: schneller, weiter, offener.


Ich erinnere mich genau an meine erste „echte“ Pizza. Es war Sommer. Wir saßen auf der Terrasse einer Pizzeria im Viertel Torontalului, in der Nähe dessen, was heute das Iulius Mall ist. Ich hielt die Speisekarte in der Hand und wusste nicht, was ich wählen sollte. Als der Kellner mich fragte, was ich trinken möchte, erstarrte ich, als würde eine viel zu wichtige Entscheidung von mir erwartet. Mariana bestellte zwei Gläser Cola, sah mich lächelnd an und sagte schlicht: „Nimm Capricciosa, die ist gut.“ Genau das tat ich. Und bis heute ist sie meine Lieblingspizza geblieben. Für andere war es vielleicht gewöhnlich. Für mich war es ein besonderer Moment, ein Highlight in einer Zeit, in der vieles unsicher war. Es war der Beweis, dass das Leben auch leicht sein kann, dass es Augenblicke gibt, in denen man nichts beweisen muss, sondern einfach nur an einem Tisch sitzt, auf einer Sommerterrasse, mit der Schwester an seiner Seite und einem Glas Cola vor sich.


Und dann, langsam, begannen sich die Dinge anders zu ordnen.


Der Übergang von der Kindheit zur Jugend war keine klare Linie. Es gab keinen Tag, an dem ich sagen konnte: Ab heute bin ich größer. Es war vielmehr ein langsames Zurücknehmen des Lebensgefühls. Als würde sich das Leben in mir zusammenziehen. Die Freuden wurden kleiner, die Wünsche leiser, die Erwartungen auf ein Minimum reduziert. Ich verlangte nicht mehr viel. Ich träumte nicht mehr laut. Ich hatte bereits gelernt, dass nicht alles bleibt, was man sich wünscht. Die Sehnsucht war konstant. Sehnsucht nach meiner Mutter, nach meinen Schwestern, nach einfachem Spielen ohne unsichtbare Verantwortung auf den Schultern. Ich begann mehr zu schweigen. Nicht, weil ich nichts zu sagen hatte, sondern weil ich nicht schwach erscheinen wollte. Die Sehnsucht wurde etwas Inneres, beinahe Beschämendes in ihrer Intensität – ein Zustand, den ich in mir trug, ohne ihn wirklich teilen zu können.


Die Sommerferien verbrachte ich meist in Cluj-Napoca bei den Tanten mütterlicherseits, vor allem bei Anica und Susana, aber auch im Geburtshaus meiner Mutter in Crișeni. Ich blieb dort mehrere Wochen bei meinen Cousins und Cousinen, und vielleicht war es der einzige Ort, an dem ich mich in jenen Jahren wirklich wohlfühlte. Es war unbeschwerte Zeit, wir waren den ganzen Tag draußen, spielten, ohne Druck, ohne Etiketten, ohne Vergleiche. Tante Anica, die älteste der Schwestern meiner Mutter, wirkte nach außen vielleicht streng, mit einem Charakter aus Eisen, doch innerlich war sie weich, verständnisvoll, eine hingebungsvolle Mutter. Alle fünf Geschwister meiner Mutter sind anständige, gastfreundliche und liebevolle Menschen. Wir wurden immer mit offenen Armen empfangen, ganz gleich, wie viel oder wie wenig sie hatten. Es war nie Mangel spürbar, sondern Fürsorge.


Und selbst heute, obwohl Hunderte oder Tausende Kilometer zwischen uns liegen, stehen sie uns zur Seite, in guten wie in schweren Zeiten, mit derselben stillen Wärme, die mich damals über meine Sehnsucht hinweggetragen hat.

Criseni - jud. Cluj
Criseni - jud. Cluj
Zu Hause, ohne meine Mutter, lag eine drückende Stille. Es war nicht die ruhige Abendstille, sondern eine schwere, die sich über uns legte. Mein Vater tat, was er konnte. Er übernahm seine Rolle ohne Diskussion und ohne Klage, so wie er in seiner Jugend seine vier Schwestern unterstützt hatte, indem er ihre Schule, das Internat, ihre Kleidung und all ihre Bedürfnisse mitfinanzierte. Für ihn war das selbstverständlich. So musste es sein. Wahrscheinlich hatte er es von seinem eigenen Vater so gelernt, und auf gewisse Weise wiederholte sich die Geschichte. Nur dass nun ich die Verantwortung war.

Die Mittelschule in Becicherecu Mic hat meine Persönlichkeit stärker geprägt, als mir damals bewusst war. Die Angst vor Lehrern war real, und die Angst vor den Eltern lag in der Luft. Wenn man nicht aus einer wohlhabenden Familie kam, wurde man beinahe unsichtbar, gleich null. Es zählte nicht, wie viel man lernte oder wie viel Mühe man sich gab. Es zählten der Status, das Umfeld, die „schönen Augen“. Das Etikett wurde vom ersten Tag an vergeben, unausgesprochen, aber spürbar: Arm bist, arm bleibst du , weit wirst du es nicht bringen...


In mir, und wahrscheinlich in vielen Kindern in ähnlichen Situationen, setzte sich ein stilles Misstrauen fest, ein Gefühl der Ohnmacht, der Gedanke, dass aus mir nichts werden würde, dass ich nicht kann, dass ich es nicht verdiene. Die Vorstellung, nicht gut genug zu sein, meine Träume nicht erreichen zu können, nicht imstande zu sein, „jemand“ zu werden, blieb jahrelang lebendig, wie eine Betonmauer im Kopf. Ich glaube, der größte Schmerz eines Kindes ist es, bewertet zu werden, bevor seine Fähigkeiten und sein Wesen überhaupt erkannt wurden. Heute erfüllt es mich mit Freude zu sehen, dass die meisten dieser Kinder ihren Weg gefunden haben. Manche sind sogar weiter gekommen als jene, die damals bevorzugt und als „vielversprechend“ galten. Das Leben folgt nicht immer den Etiketten, die zu früh vergeben werden.


Die Abschlussprüfung nach der achten Klasse war ein kalter Filter des Systems. Man schrieb Prüfungen in Rumänisch und Mathematik, und die erzielte Durchschnittsnote, kombiniert mit dem Notendurchschnitt der Mittelschuljahre, bestimmte die Rangfolge. Man füllte eine Liste mit den gewünschten Gymnasien aus, und die Zuteilung erfolgte computergestützt, streng nach Durchschnitt und verfügbaren Plätzen. Man wählte nicht wirklich. Das System entschied. So kam ich auf das Gymnasium für Chemie und Umweltschutz in Timișoara, eine Schule, die die Spuren einer industriellen Tradition trug, die in der kommunistischen Zeit gewachsen war, als die Stadt ein bedeutendes Zentrum der chemischen und technischen Industrie war. Die technische Ausbildung war auf Stabilität ausgerichtet, auf planbare Arbeitsplätze, auf einen klaren Lebensweg. Doch wir lebten bereits in einem Rumänien im Umbruch, in dem sich Fabriken wandelten, die Wirtschaft neu ordnete und Stabilität zunehmend relativ wurde.

Unsere Klasse glich einem Labor – im wörtlichen wie im übertragenen Sinn: geflieste Tische, Regale für Substanzen, der Geruch von Chemikalien, der sich in Kleidung und Erinnerung festsetzte. Die Stadt, die für mich lange nur Wochenendlicht gewesen war, wurde zum Zentrum meines Alltags, zum Mittelpunkt meines Lebens für die nächsten Jahre. Ich war erleichtert, als ich erfuhr, dass Florina in derselben Klasse war. Ein vertrautes Gesicht in einem neuen Raum gab mir die Sicherheit, die ich damals brauchte. Sie wohnte im selben Teil des Dorfes wie ich und lebte während der Schulzeit zur Miete bei einer älteren Frau, nur zwei Straßen vom Internat entfernt. Zu wissen, dass ich in der Stadt nicht ganz allein war, bedeutete mehr, als ich damals hätte erklären können. Ich bin dankbar, dass uns das Leben nicht getrennt hat und dass wir bis heute Freud und Leid miteinander teilen. In unserer Schulbank saßen außerdem Mirela aus Bobda und Silva aus Timișoara. Jedes Kind, ob vom Dorf oder aus der Stadt, brachte seine eigene Geschichte mit, seine eigene Realität. Und doch wurden wir in diesem Labor Teil desselben Anfangs.

Ab der neunten Klasse wurde ich ins Internat geschickt. Die Entscheidung trafen beide Eltern, und für meinen Vater war sie nicht verhandelbar. Dort, so glaubte er, gab es Ordnung, Struktur, Kontrolle, Sicherheit. Ich teilte mir das Zimmer mit Mirela, aus meiner Klasse, und zwei oder drei weiteren Mädchen. Ich protestierte nicht. Ich passte mich an, wie ich es längst gelernt hatte. Die Mitschülerinnen und die Klassenlehrerin wussten, dass meine Mutter im Ausland war. Und zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, dass diese Tatsache nicht mehr alles definierte. Ich war nicht mehr nur das arme Kind von XY mit der Mutter im Ausland. Ich war Schülerin in einer Klasse, Teil einer Gruppe, ein Mädchen auf der Suche nach ihrem Platz.


Ich blieb bis zur zehnten Klasse im Internat, bis zu den Osterferien. Aus dieser Zeit ist mir vor allem ein einziger Moment deutlich im Gedächtnis geblieben.

Eines Morgens wachte ich wie gelähmt auf. Alles tat weh und zugleich nichts. Es war ein Schmerz ohne Form, ohne Erklärung. Ich fühlte mich wie ein Stein – unbeweglich, schwer. Ich blieb im Zimmer, die Decke über den Kopf gezogen. Mirela blieb bei mir. Ich weiß nicht, wer oder wie die Schule informiert wurde, doch irgendwann sah ich, wie sich die Tür langsam öffnete. Die Klassenlehrerin trat ein und fragte Mirela, was geschehen sei. Ich hörte ihr Gespräch, ohne daran teilzunehmen. Dann setzte sie sich auf die Bettkante, legte mir die Hand auf die Wange und fragte, ob es mir gut gehe. An die genauen Worte erinnere ich mich nicht, aber an die Wärme in ihrer Stimme und in ihrem Blick. Ihre Augen urteilten nicht. Sie machten mir keine Vorwürfe. Vielleicht verstand sie mehr, als ich aussprach. Sie erlaubte mir, im Zimmer zu bleiben und mir die Zeit zu nehmen, die ich brauchte. Später schickte sie die Schulkrankenschwester, Beatrice, um mich zu sehen und eine Entschuldigung für den Fehltag auszustellen. Die Krankenschwester nannten wir – natürlich heimlich – „Betty die Hässliche“, nach einer Telenovela jener Zeit, weil sie der Schauspielerin ähnlich sah. Heute betrachte ich diese Episode mit mehr Reife und verstehe, dass es – jenseits unserer jugendlichen Späße – ein Moment war, in dem ich nicht allein gelassen wurde.

Die Beziehung zu meinem Vater vertiefte sich in jenen Jahren. Er wurde zu meinem Halt. Er war mir zugleich Mutter und Vater. Wenn Geld von meiner Mutter kam, gingen wir gemeinsam auf den Basar, um Kleidung und Schulmaterial zu kaufen – von Kugelschreibern und Heften bis hin zu Jeans und sogar Unterwäsche. Es war mir nie peinlich, Arm in Arm mit ihm einkaufen zu gehen. Im Gegenteil: Es war ein Gefühl von Schutz. Mein Vater war ein feiner Mensch, stets sauber, gepflegt, elegant. In den Schuleinrichtungen in Biled, wo er als Hausmeister arbeitete, wurde er von den Schülern mehr respektiert als die Direktoren. Er besaß eine stille Würde, eine Präsenz, die nicht durch eine Position wirkte, sondern durch Charakter.

Damals verstand ich, dass ich kämpfen musste. Nicht nur für mich, sondern auch, um die Menschen um mich herum nicht zu enttäuschen. Der Wunsch, keine Fehler zu machen, niemanden in Verlegenheit zu bringen, zu beweisen, dass ich es kann, wurde zu einem Muster, das mich bis ins Erwachsenenalter begleitete. Lange hielt ich es für meine Stärke, ohne zu erkennen, dass es zugleich meine Last war.


Erst später begriff ich, dass der Kampf, um anderen etwas zu beweisen, mich zwar stärker gemacht hatte, doch die wahre Befreiung kam in dem Moment, in dem ich begann, für mich selbst zu kämpfen. Nicht aus Angst, nicht aus Pflichtgefühl, nicht aus dem Bedürfnis nach Anerkennung, sondern aus Überzeugung.


Ja, ich bin zu früh erwachsen geworden. Ich wurde verantwortungsbewusster, stärker und unabhängiger, als es mein Alter verlangte. Ich gab mir ein stilles Versprechen: allen zu zeigen, dass ich Wert habe. Heute weiß ich jedoch, dass Wert nicht in dem liegt, was andere über dich denken, sondern in dem, was du selbst in dir siehst und zu glauben wagst.


Und in dem Moment, in dem du aufhörst, für andere zu kämpfen, und beginnst, für dich selbst einzustehen, öffnen sich Türen, die zuvor wie zugemauert erschienen – ohne Zugang, ohne Ausweg. Die Mauern verschwinden nicht, doch du lernst, dass es Türen gibt, die du vorher nicht gesehen hast.


Hut ab vor all jenen, die das – früher oder später – erkannt haben und genau dort angekommen sind, wo sie sein sollten.



 
 
 

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